Tierbrett

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Hartmut Reisdorf

Zu den Besonderheiten sogenannter Fachfamilien aus systemischer Sicht

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„Alles Lebendige hat die Tendenz, zusammenzukommen, Verbindungen herzustellen, im anderen zu leben, zu früheren Lösungen zurückzukehren; miteinander auszukommen, wo immer das möglich ist. Das ist der Lauf der Welt” Lewis Thomas

Fachfamilien sind Familien, die im öffentlichen Auftrag Kinder aufnehmen und meist langfristig mit ihnen zusammenleben. Sie stellen ein stationäres Angebot im Bereich der erzieherischen Hilfen dar und nehmen maximal 3 Kinder oder Jugendliche in ihre Familie auf. Der professionelle Anspruch an diese Familien entspricht dem in der Heimerziehung üblichen. Entsprechend hat ein Elternteil eine pädagogische Ausbildung und berufliche Erfahrungen im Umgang mit Kindern und Jugendlichen.

Wesentliches Anliegen der Fachfamilien ist es eine alternative Unterbringungsform zu stationären Gruppen zu bieten und pädagogisch gleichwertig zu arbeiten. Die pädagogische Arbeit basiert dabei auf den familialen Besonderheiten wie: kontinuierlich gegebene Nähe, Interaktionsdichte und Zeitstruktur und daraus resultierender familialer Intimität: emotionale Vertrautheit; Sicherheit; Geborgenheit. So sollen Kinder und Jugendliche in der Fachfamilie beheimatet werden, tragfähige hilfreiche Beziehungen mit ihnen entwickelt werden, unter Einbeziehung der notwendigen professionellen Elemente in den pädagogischen Gesamtprozess.

Wesentlich für ein Gelingen dieser Veränderung von Familie zu Fachfamilie ist ein weit genug gefasstes Verständnis von Familie und den möglichen Prozessen, denen eine Familie auf dem Weg zur Fachfamilie unterliegt.

Anderen erweiterten Familiensystemen wie Stieffamilien, Wiederverheiratung Alleinerziehender oder Pflegefamilien ähnlich, müssen sich Fachfamilien mit Themen und Problemen befassen, die sich in Kernfamilien so nicht stellen. Normale Familien stellen natürlich gewachsene Systeme dar, deren Erweiterung durch die Geburt weiterer Kinder (Geschwister) geschieht, d.h. die Mitgliedschaft der Kinder basiert auf dem in die Familie Hineingeboren-Sein. Dies ist ein maßgeblicher Unterschied zu erweiterten Familien oder zusammengesetzten Systemen.

Die dadurch entstehenden strukturellen Besonderheiten und die zunehmende Komplexität des Familiengefüges stellen die Fachfamilie vor eine hohe Anforderung, deren Qualität wesentlich auch von der jeweiligen psychosozialen Disposition der aufgenommenen Kinder abhängt. Es treffen zwei mehr oder weniger unterschiedliche Systeme aufeinander.

Ein möglicher Ansatz die damit verbundenen Prozesse und Auswirkungen zu verstehen und entsprechende Handlungsfähigkeiten abzuleiten ist die systemische Betrachtung, d.h. wie zeigt sich Familie als System (d.h. Interaktionsprozesse, Beziehungen und Organisation) und welche Vorstellungen lassen sich daraus ableiten hinsichtlich einer Erweiterung zur Fachfamilie.